Multimedia - 24.07.2017, 17:29

Leseproben

In Ewigkeit Schwarz-Weiß (Leseprobe)

„Gott ist rund. Bei Fußball und Religion ist der Einzelne gefordert, 100 Prozent zu geben“, weiß der Salzburger Erzbischof, ein Erzschwarzer. Warum Religion für Peter Zulj nichts mit Mode zu tun hat und welche Fanrituale Sturm-Spiele beeinflussen sollen.

Elfmeter für Sturm. Peter Zulj holt sich selbstbewusst den Ball und legt ihn auf den weißen Kreidepunkt. Gespannte Ruhe im Stadion. Ein Fan, um dessen Hals ein Sturm-Schal baumelt, kann gar nicht mehr hinsehen. Die Nervosität ist zu groß. Er setzt sich nieder, blickt auf den Boden und faltet die Hände vor dem Gesicht. Sieht aus, als würde er beten. Zulj läuft an, Schuss, Tor und in der Merkur Arena reißt es Tausende von den Sitzen. Auch den gerade noch still innehaltenden Fan mit dem schwarz-weiß gestreiften Schal. Jetzt sind seine Hände zu Fäusten, die gen Himmel gerichtet sind, geballt. „Gott sei Dank“, sagt er.

Fußball und Religion. Da gibt es mehr Parallelen als man auf den ersten Blick vermuten würde. „Der Trainer predigt in der Kabine, der Rasen ist heilig, Papst, Bischöfe und Priester werden vom Fußballfieber gepackt“, sagt Heimo Kaindl, Direktor des Grazer Diözesanmuseums, der zur letzten Europameisterschaft die Ausstellung „Knockin’ on Heaven’s Tor“ veranstaltet hat. Darin waren den großen Kirchen berühmte Stadien gegenübergestellt. Was beide Architekturen eint? „In beiden herrscht ein enormer Gemeinschaftsgeist.“ Auch beim Feiern von Fans und Gläubigen – dem ritualisierten Singen und Beten – gibt es Ähnlichkeiten. Hier Orgel und Rhythmusgitarre, da Trommel und Vuvuzela. Hier Kerzen und Weihrauch, da bengalisches Feuer und Rauchbomben. Hier wird das Kreuz vorangetragen, da – beim Einlaufen der Mannschaften – der Ball. Hier „Sing mit mir ein Halleluja“, da „Steht auf für den SK Sturm“.

 

Ein subjektives Glaubensbekenntnis

Der FC Schalke 04 hat eine Vereinsausgabe der Bibel herausgebracht, in Österreich gibt es vom steirischen Kultautor Reinhard P. Gruber ein sehr subjektives Glaubensbekenntnis. Es heißt „Sturm Unser“, stammt aus den seligen Zeiten der Champions League-Erfolge von Sturm Graz und beginnt so: „Ich glaube an Sturm, den besten Klub des Himmels und der Erde/und an Ivica Osim, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn.“ Blasphemie? Mitnichten. Vielmehr: Künstlerisch-pointierte Heldenverehrung. „Was Fußball und Religion verbindet, ist der Umstand, dass der Einzelne gefordert ist, 100 Prozent zu geben, alles aus sich herauszuholen. Und: Man muss sich in die Gemeinschaft einbringen, allein hat man keinen Erfolg“, sagt der Salzburger Erzbischof Franz Lackner. Der 61-jährige Steirer verbirgt seine Leidenschaft für Sturm Graz nicht. Im Gegenteil. Legendär ist sein Auftritt beim 2:1-Auswärtssieg von Sturm in der Salzburger Red Bull-Arena im April 2014. Lackner jubelte schon während des Spiels mit den mitgereisten Grazer Fans und gratulierte nach dem Schlusspfiff den Spielern: „Super habt’s gespielt. Super!“ Wann und wie aus dem hochrangigen Kirchenmann ein Schwarz-Weißer geworden ist? „Das war vor unvordenklichen Zeiten“, sagt Lackner schmunzelnd: „Niemand hat mich überredet, ich dürfte wohl als Sturm-Fan geboren worden sein. Jedenfalls kenne ich keine Zeit vor Sturm und ich werde Sturm-Fan bleiben bis zu meinem Ableben.“ Das mit Sturm sei eine Liebesheirat, wobei eine Scheidung ausgeschlossen sei, betont der Salzburger Erzbischof, der vom Gemeinschaftsgefühl im Stadion fasziniert ist: „Ein volles Stadion ist wie ein voller Dom.“ Während der 90 Minuten gerate auch er bisweilen in einen Strudel der Begeisterung: „Wenn am Spielende die Zeit nicht zu vergehen scheint, hält es mich nicht mehr auf dem Sitz.“ Spieler, die wie etwa Neymar oder Alaba ihren Glauben an Gott nicht verhehlen, bezeichnet er als mutig: „Ich bin dankbar, wenn sie nach Erfolgen die beiden Zeigefinger nach oben strecken. Das ist auch eine Form der Verkündigung.“

„Bete für Gesundheit und meine Familie“

Einer, der dies im Sturm-Dress macht, ist Peter Zulj. Der 24-jährige Welser mit kroatischen Wurzeln bekennt freimütig, religiös zu sein: „Das habe ich schon als kleiner Bub zu Hause mitbekommen. Heute gehe er, sofern es der Beruf zulässt, auch in den sonntäglichen Gottesdienst, vor einem Spiel bete er auch kurz. „Für Gesundheit und meine Familie“, sagt der Mittelfeldspieler, der heuer schon ein paar göttliche Vorlagen abgeliefert hat. Es könne auch vorkommen, dass er mit einem Stoßgebet darum bittet, dass „das Spiel zu unseren Gunsten kippt“. Wenn dieser Wunsch erfüllt werde, oder ihm ein Tor gelinge, bedankt sich Peter Zulj auch bei den himmlischen Sphären. Unter den Spielern sei Religion und Glaube aber kein großes Thema: „In der Kabine oder wenn wir uns sonst treffen, reden wir über Fußball.“ Religiöse Gesten seien modern geworden, da ja auch internationale Superstars auf dem grünen Rasen ihre Liebe zu Gott dokumentiert haben: „Bei mir hat das aber nichts mit Mode zu tun“, betont Zulj, dessen Religiosität unter die Haut geht. Der 24-Jährige hat mehrere Tattoos mit einschlägigen Motiven: Die Gottesmutter Maria etwa, Christus auf dem Kruzifix oder einen „Jesus“-Schriftzug auf dem Rücken.

Den ganzen Beitrag mit Statements von Autor Dirk Schümer, Diözesanmuseum-Direktor Heimo Kaindl und Erzbischof Franz Lackner lesen Sie im neuen SturmEcho #351.