110 Jahre Sturm - 07.01.2019, 15:26

Ausstellung: Die Gruabn

Das Herz von Sturm

Die Gruabn. Das Herz von Sturm

Die 1919 eröffnete Spielstätte des SK Sturm am Grazer Jakominigürtel ging als „Gruabn“ in die Mythen des österreichischen Fußballs ein. Mitten zwischen Siedlungen und der Trabrennbahn bzw. dem späteren Messegelände bot die Gruabn jahrzehntelang ein niederschwelliges und geballtes Fußballerlebnis. Dicht an dicht drängte sich das Publikum auf den Stehtribünen und in den Fenstern der angrenzenden Wohnbauten. Der urbane Platz garantierte eine einzigartige Stimmung, eine eingeschworene Fangemeinde und verschärfte Verhältnisse. Auch wenn die Zuschauermenge regelmäßig die zugelassene Höchstzahl überschritt, stieß Ende der 1960er-Jahre das Spiel- und Fassungsvermögen in der Gruabn an seine Grenzen. Immer häufiger wich der Verein wegen des Flutlichtes und der größeren Sitzplatzkapazität in das Stadion Liebenau aus, bis dieses 1974 zur fixen Spielstätte wurde. Der Sturmgemeinde fiel der Abschied schwer, erwies sich das neue Stadion doch als das genaue Gegenteil der Gruabn-Intimität von Mannschaft und Publikum. Fast symbolisch befand sich in Liebenau eine Laufbahn zwischen Feld und Tribüne. 1982 kam der Club schließlich wieder in die restaurierte Gruabn zurück, bevor er 1997 in das neu errichtete Arnold-Schwarzenegger-Stadion (die heutige Merkur-Arena) übersiedelte. Trotz moderner Technik, Komfort und Sicherheit denken Sturmfans mit Wehmut an die alte Spielstätte zurück. Die Gruabn hatte eben ihren ganz eigenen, rauen Charme. Von diesem erzählen die in der Ausstellung versammelten Bruchstücke und Erinnerungen.

Ausstellungskonzept und -gestaltung

Die Gruabn, die alte Spielstätte des SK Sturm am Jakominigürtel, ist ein Mythos. Es ist ein Ort, an dem Geschichte(n) geschrieben wurde(n) und aus dem Legenden hervorgingen. Es war ein einzigartiges Grazer (Männer-)Biotop, das sich durch eine ganz eigene Aura der Emotion, der Intimität und Rauheit auszeichnete und ein besonderes Fußballerlebnis ermöglichte. Wie ist aber solch ein Mythos zu fassen und wie stellt man ihn aus?

Die Ausstellung des GrazMuseums nähert sich der Gruabn auf eine räumliche und atmosphärische Weise. Anhand der Bereiche Feld, Tribüne, Kabine und Stadt versammelt sie Erinnerungsstücke und Erinnerungsmomente aus der Gruabn. Sie berichtet von spielerischer Kunst und Technik, von Freud und Leid auf dem Feld und auf der Tribüne, von skurrilen Geschehnissen in der Kabine und davon, welchen Stellenwert die Gruabn im urbanen Gefüge von Graz bis heute einnimmt. In einem eigenen Bereich werden Arbeiten des Sportfotografen Friedrich Fischer präsentiert.

Versammelt werden Plakate, Dokumente, Fotografien, dreidimensionale Objekte – allesamt Bruchstücke und Relikte aus und rund um die Gruabn. Sie haben einerseits dokumentarischen Charakter, indem sie von einer heute untergegangenen Fußballära erzählen. Andererseits haben sie auch kultischen Charakter. Profane Gegenstände wie Reklametafeln, ein Bruchstück der Holztribüne, ein Klappsessel oder ein Kassenschild werden zu Objekten der Anbetung. Als Memento haben sie Erinnerungen und Emotionen gespeichert, die in der Gruabn erlebt wurden. Auch die Gestaltung zitiert Bau- und Strukturelemente der Gruabn, bringt das Spielfeld, die Tribüne und die Kabine in den Museumsraum. Die Besucher/-innen sind eingeladen, sich durch die Welt der Gruabn zu bewegen.

Feld
Wettkampf unter verschärften Bedingungen

100,37 mal 65,28 Meter misst das Spielfeld der Gruabn. Der „Sturm-Platz“ wurde 1919 auf der Klosterwiese am Jakominigürtel eingerichtet und von Anfang an herrschten dort spezielle Bedingungen. 1921 wurde die Fläche planiert, was nichts daran änderte, dass es bei starkem Regen zu regelrechten Schlammschlachten kam. Die Spielstätte wurde gleichermaßen geliebt wie gefürchtet. Nirgendwo sonst herrschte solch eine ungezügelte Atmosphäre, ballten sich unverfälschte Emotionen durch die scheinbar schrankenlose Nähe von Spielfeld und Zuschauerplätzen, von Freund und Feind. Der Weg aufs Feld über die steile Stiege konnte sich für die gegnerischen Mannschaften durch Schirmattacken und Bierduschen zu einem regelrechten Spießrutenlauf entwickeln. Auch Schiedsrichter und scheiternde Spieler der eigenen Mannschaft bekamen den Zorn der Fangemeinde unmittelbar zu spüren.

Tribüne
Sitzplatz für den 12. Mann

Die nach klaren funktionalen Gesichtspunkten konstruierte Holztribüne der Gruabn hat seit 1934 über Jahrzehnte Herzblut und Fußballerschweiß in sich aufgenommen. Zusammen mit den einst aus 12 Stufen bestehenden und später mit Wellenbrechern versehenen Stehplatztribünen im Osten und Süden des Stadions bildet sie jenen Ort, wo Individualisten für die Dauer eines Spiels zu einem Kollektiv zusammenwachsen. Die Sitzplatztribüne verfügte einst auch über Logen mit hölzernen Klappstühlen. Der 1994 etablierte VIP-Club in der Gruabn wirkte ebenso improvisiert wie anachronistisch. Einige wenige Klappsessel aus Metall sowie schwarz-weiße Sitzpölster verstanden sich als Zugeständnis an den Komfort, der bei den üblichen, grün gestrichenen und mit weißen Nummern beschrifteten Holzbänken (ohne Lehne) nur bedingt vorhanden war. Insbesondere die extrem männerdominierten Stehplatztribünen entfalteten bei Massenbesuch eine klaustrophobische Wirkung.

Ein Herz für Sturm

Fußballfans sind leidenschaftliche Sammler/-innen. Objekte der Begierde sind unter anderem Eintrittskarten, Vereinsmagazine, Fanschals, Spielertrikots, Aufkleber, Postkarten, Autogramme, Mützen, Wimpel, Kalender, T-Shirts und noch vieles mehr. Als es vor 1994 noch keine professionelle Fanartikelindustrie gab, wurde improvisiert. Schwarz-weiße Püppchen wurden gehäkelt, Steine bemalt oder für das Stammgasthaus launige Derby-Tabellen gebastelt. Fanartikel können auch kultischen Charakter annehmen: Wurde etwa eine Fahne bei einem denkwürdigen Sieg geschwungen, avancierte sie zu einem Glücksbringer. Bisweilen nehmen die Lieblingsobjekte der Fans auch den Charakter von Devotionalien oder Reliquien an. Der im Objektrahmen aufbewahrte Teil der ehrwürdigen Gruabn-Holztribüne mag an eine Absplitterung des Kreuzes von Golgatha erinnern.

Abseits von Fußball

War auch Fußball der Herzschlag der Gruabn, wurde das Stadion im Laufe seiner aktiven Karriere immer wieder „zweckentfremdet“. In den Jahren 1926 bis 1943 wurde parallel zum Fußball auch Feldhandball und Damenhandball – es gab bei Sturm dafür eine eigene Sektion – gespielt. Manche Spiele wurden sogar als Doppelprogramm veranstaltet, mit Handball als Vorprogramm und Fußball danach. Im Winter wurde die Gruabn vom Grazer Eislaufverein genutzt. In den 1930ern wurden Staatsmeisterschaften darauf ausgetragen, Eisrevuen brachten große Zuschauermengen ins Stadion. In den 1950ern lockten Tombolas mit für die Wiederaufbauzeit attraktiven Preisen wie Motorrädern, Küchen oder Pelzmänteln nicht nur Grazerinnen und Grazer ins Stadion. Selbst die legendären Harlem Globetrotters, die in der Nachkriegszeit regelmäßig mit mehreren Mannschaften durch Europa tourten, haben 1960 in der Gruabn eines ihrer Show-Basketballspiele abgehalten.

Kabine
Freund und Feind auf Tuchfühlung

„Spielen muss ich eh nicht in der Kabine, das Feld ist wenigstens okay!“, soll die lakonische Aussage der 1996 von Hannes Kartnig zu Sturm Graz gelotsten AS Roma Legende Giuseppe Giannini nach seiner ersten Gruabn-Besichtigungstour gelautet haben. Nicht nur der Platz und die Tribünen, auch das unansehnliche Clubhaus mit seinen engen Gängen und niedrigen Räumen trug viel zur Einzigartigkeit des Areals bei. Die muffigen Kabinen und ihre langsam sich auflösende Infrastruktur blieben in ihrer eigenen, längst vergangenen Zeit stehen. Auswärts- und Heimmannschaft hatten schon beim Umziehen viel Kontakt miteinander. Der Kuschelfaktor verstärkte sich nach dem Spiel weiter. Die wenigen Duschen teilte man sich noch zusätzlich mit dem Schiedsrichterteam. Dafür boten die Räumlichkeiten viel Platz für Anekdoten. In der Saison 1969/70 wurde unter Gerdi Springer als Trainer vor dem Spiel gegen die Wiener Austria als Teambuilding-Maßnahme in der Kabine Schlangenyoga praktiziert. Sturm gewann gegen den Tabellenführer deutlich.

Stadt
Urbane Kultstätte von Graz

Die Gruabn ist über die Jahrzehnte von einer Außenlage in das erweiterte Stadtzentrum von Graz gerückt. Was einst als Lagerplatz für Holz genutzt worden war, stellt heute einen attraktiven Baugrund in Innenstadtlage dar. Das durch Klubhaus („Knusperhäuschen“), Gmeindl-Kantine und Tribünen zum Ensemble erweiterte Spielfeld war um 1980 einer substanziellen Bedrohung ausgesetzt, denn der geplante Bau der Gürtelstraße B 67c hätte den Abriss zumindest der südlichen Stehplatztribünen zur Folge gehabt. Mittlerweile ist das Gebiet der Gruabn, wie die Fotos des Architekturfotografen Paul Ott dokumentieren, weitgehend von Gebäuden und Wohnanlagen umschlossen. Der Fußballplatz wirkt in diesem urbanen Umfeld wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Bestrebungen, die aus dem Jahr 1934 stammende Holztribüne unter Denkmalschutz zu stellen, würden den Plänen, das Areal auch künftig als Sportplatz zu bespielen, zugutekommen.

Chronist eines Mythos.
Der Fotograf Friedrich Fischer

Kein anderer Fotograf war der Gruabn so verbunden wie Friedrich Fischer (1921–2015). Wegen einer im Krieg erlittenen Schussverletzung konnte der gelernte Landschaftsgärtner nach 1945 seinen ursprünglichen Beruf nicht mehr ausüben und wechselte zur Fotografie. Von 1949, dem Jahr der ersten österreichweiten Meisterschaft nach dem Krieg, bis in die 1980er dokumentierte der Autodidakt auf zehntausenden Bildern die Spiele des SK Sturm. Sie halten dramatische Spielmomente, entscheidende Matchszenen am Spielfeld fest, dokumentieren Freud und Leid der Anhänger/-innen auf den Tribünen. Andere Aufnahmen geben Einblicke hinter die „Kulissen“. Fischer ist bei Mannschaftsbesprechungen in der Kabine dabei, er begleitet das Training. Er fotografiert bei Feierlichkeiten des Vereins. Fischers Fotografie zeigt, wie sich der Fußball in vier Jahrzehnten entwickelt, sich verändert.

Seit 2018 ist der Bestand der Fischer-Fußballbilder im Besitz des SK Puntigamer Sturm Graz.

Das Rahmenprogrammzur Ausstellung

So, 28.05.2019 | 15 Uhr

Die Gruabn. Das Herz von Sturm

Kuratorenführung mit Emil Gruber

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €

 

Mi, 01.05.2019 | 10-12 Uhr

Gruabn-Kinderworkshop

Workshop für Kinder von 6 bis 12 Jahren

Kosten: 4 € pro Kind

Anmeldung unter grazmuseum@stadt.graz.at oder +43 316 872 7600

 

Mi, 01.05.2019 | 11 Uhr

110 Jahre SK Sturm Graz

Themenführung zum Jubiläum in der Ausstellung „Die Gruabn. Das Herz von Sturm“

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €

 

So, 05.05.2019 | 15 Uhr

immer wieder sonntags

Führung durch die Ausstellung „Die Gruabn. Das Herz von Sturm“

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €

 

Mi, 15.05.2019 | 17 Uhr

Langer Mittwoch

Führungmit Kuratorin Martina Zerovnik und Herbert Troger durch die Ausstellung „Die Gruabn. Das Herz von Sturm“

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €

 

Mi, 15.05.2019 | 18 Uhr

Legendenabend mit Moderator Robert Seeger

Round Table mit Walter Hörmann, Walter Saria, Günter Paulitsch und Gilbert Prilasnig

Eintritt frei.

 

So, 19.05.2019 | 10-12 Uhr

Gruabn-Kinderworkshop

Workshop für Kinder von 6 bis 12 Jahren

Kosten: 4 € pro Kind

Anmeldung unter grazmuseum@stadt.graz.at oder +43 316 872 7600

 

So, 19.05.2019 | 15 Uhr

Die Gruabn. Das Herz von Sturm

Kuratorinnenführung mit Martina Zerovnik

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €

 

Mi, 22.05.2019 | 17 Uhr

Die Gruabn: 100 Jahre – 100 Geschichten

Führung mit Benjamin Sikora mit anschließender Exkursion zur Gruabn

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €

 

So, 26.05.2019 | 15 Uhr

immer wieder sonntags

Führung in der Ausstellung „Die Gruabn. Das Herz von Sturm“

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €

 

Sa, 01.06.2019 | 11-18 Uhr

SK Sturm eSports Turnier

 

So, 09.06.2019 | 10-12 Uhr

Gruabn-Kinderworkshop

Workshop für Kinder von 6 bis 12 Jahren

Kosten: 4 € pro Kind

Anmeldung unter grazmuseum@stadt.graz.at oder +43 316 872 7600

 

So, 09.05.2019 | 15 Uhr

immer wieder sonntags

Führung in der Ausstellung „Die Gruabn. Das Herz von Sturm“

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €

 

So, 16.06.2019 | 15 Uhr

Die Gruabn. Das Herz von Sturm

Kurator/-innenführung mit Emil Gruber und Martina Zerovnik

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €

 

Sa, 22.06.2019 | 10-12 Uhr

Gruabn-Kinderworkshop

Workshop für Kinder von 6 bis 12 Jahren

Kosten: 4 € pro Kind

Anmeldung unter grazmuseum@stadt.graz.at oder +43 316 872 7600

 

So, 23.06.2019 | 15 Uhr

immer wieder sonntags

Führung durch die Ausstellung „Die Gruabn. Das Herz von Sturm“

Eintritt frei. Führungsentgelt: 2 €