Sonstiges - 18.04.2019, 09:07

110 Jahre Sturm: Die NS-Zeit

Rückblick: 1940 -1949 – Teil 1/2

Die erste Hälfte der 1940er-Jahre war für Sturm der Zeit entsprechend schwierig. Sportlich gab es im Tschammerpokal zwar einen großen Erfolg zu feiern, die Rahmenbedingungen waren in den Tagen des Fußballs unterm Hakenkreuz aber alles andere als einfach zu bewältigen.

Schon vor Beginn der 1940er-Jahre erfasst den SK Sturm die Gleichschaltungspolitik des NS-Regimes, die besagt: „Der Verein bezweckt die leibliche und geistige Erziehung seiner Mitglieder im Geiste des nationalsozialistischen Volksstaates durch die planmäßige Pflege der Leibesübungen, insbesondere Fußball.“ Abgesehen von in Summe drei verschiedenen „Vereinsführern“ bis 1945 läuft das Klubleben aber anfangs ohne großen personellen Umbruch weiter, es gibt nur kaum NSDAP-Mitglieder unter den Sturm-Kickern.

Rekordkulisse im Tschammerpokal

Sportlich erfolgreich starten die Schwarz-Weißen in das neue Jahrzehnt. Ein Highlight ist der Tschammerpokal, in dem sich die Grazer in ganz Österreich durchsetzen und sich vor 7.000 Zuschauern im Stadion am Jakominigürtel erst dem späteren Finalisten 1. FC Nürnberg mit 1:6 beugen müssen. Für Sturm bringt dieses Duell im August 1940 eine Rekordkulisse, es ist ein Zeichen dafür, dass der Fußball in der NS-Zeit auch in der Provinz immer mehr zum Event wird.

Nicht zu bewältigende Auswärtsfahrten

Die Rahmenbedingungen, die sich durch den Zweiten Weltkrieg weiter zuspitzen, werden zu immer größeren Problemen. Im Sommer 1941 geht für Sturm ein lang erhoffter Traum in Erfüllung. Erstmals spielen die Grazer mit den Wiener Großklubs in einer Liga, der sogenannten Bereichsliga. Als einzige steirische Mannschaft gegen neun Wiener Vereine zu spielen, stellt den Klub aber vor eine beinahe unlösbare Aufgabe.

Nach den Erfolgen mit der Tschammerpokal-Mannschaft 1940 kamen sportlich schwere Zeiten auf Sturm zu.

Die Reisen nach Wien sind nur schwer zu bewältigen, nach Beginn des Russland-Feldzugs müssen immer mehr Spieler an die Front. Am 08. Mai 1942 muss Sturm wegen Spielermangels die Mannschaft aus dem Bewerb nehmen. Die Grazer behalten jedoch das Recht, in der Spielzeit 1942/43 wieder in der Bereichsklasse zu spielen.

„Wir brauchen schon noch einen elften Mann“

Die personelle Situation ist aber auch die Saison darauf angespannt. So spielen mehr als 50 Spieler in der Saison 1942/43 für Sturm Graz, Fronturlauber, Gastspieler und Junioren unter ihnen. Sportliche Erfolge sind unmöglich. Das Gegenteil ist sogar der Fall: Die Steirer steigen als Tabellenletzter sang- und klanglos ab, kassieren in 20 Spielen 19 Niederlagen und holen ein Remis. Und selbst dieser Punkt – ein 0:0 gegen Wacker Wien – wird wegen einer angeblichen Nichtspielberechtigung eines Gastspielers wieder aberkannt.

"Wir spielen gegen den FAC. Ja, willst nicht mitkommen? Wir brauchen schon noch einen elften Mann."

Erwin Eberl erinnert sich an ein Zitat von Sturm-Spieler Emil Zötsch

Aus dieser Zeit stammen auch die Erinnerungen von Erwin Eberl, die er im Buch „kicken“ (hg. von Elke Murlasits/Maria Froihofer) teilt: „Manchmal hat man nicht einmal elf Leute zusammengebracht. Wenn ich zum Beispiel an den Emil Zötsch denke, der war nach dem Krieg noch jahrelang in der Mannschaft. (...) Der hat mir erzählt, dass er vom Krieg auf Urlaub heimgekommen ist. Als Soldat ist er am Bahnhof ausgestiegen, und wen sieht er als erstes? Die Sturm-Mannschaft. Und er fragt sie: „Ja, was macht ihr denn da?“ Und die sagen: „Wir fahren nach Wien. Wir spielen gegen den FAC. Ja, willst nicht mitkommen? Wir brauchen schon noch einen elften Mann, wir sind eigentlich nur zu zehnt.“

Suche nach Neuverpflichtungen

Sturm muss sich darum kümmern, den Spielbetrieb am Leben erhalten zu können – und dabei sind den Grazern viele Mittel recht. Nicht umsonst ruft der Klub Sichtungsspiele mit in Graz stationierten Soldaten aus und verstärkt sich mehrmals mit „Legionären“ aus Belgien und Niederlande. Dass es sich bei diesen Verpflichtungen um Mitglieder der Waffen-SS handelt, spielt keine Rolle. Gleichzeitig versuchen Funktionäre, die Spieler von der Front zurück zum Verein zu bekommen. Am Ende muss der Spielbetrieb allerdings eingestellt werden, ab Herbst 1944 legen die alliierten Bombenangriffe auf Graz und die Industriegebiete in der Obersteiermark den Fußball im Bundesland lahm. Der Sturmplatz, nahe dem Ostbahnhof gelegen, trägt große Schäden davon.

Bomben und Ruinen

Am 8. September 1944 verkündet Reichs-Propagandaminister Joseph Goebbels den „totalen Krieg“. Trotz der immer katastrophaler werdenden Situation für die Bevölkerung startet auch Sturm in die Saison 1944/45, die Grazer holen aus sieben Spielen acht Punkte. Am 01. November 1944 ist Graz abermals das Ziel von Bombenangriffen (siehe Titelbild). Was bleibt, sind viele Ruinen. Trotzdem gibt es noch Spiele, zum Beispiel ein 4:3 gegen den GAK am 18. November 1944. Es ist das letzte Match in Graz vor dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ Anfang Mai 1945.

Wie es in den kommenden Jahren mit dem SK Sturm weiterging, erfahren Sie hier schon bald!