Sonstiges - 28.03.2019, 07:15

110 Jahre Sturm: Dunkle Jahre stehen bevor

Rückblick: 1930 -1939 – Teil 2/2

In der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre verschärfte sich die gesellschaftliche Lage immer mehr, Fußball wurde in Österreich trotzdem gespielt. Durch das NS-Regime erlebte der Sport aber nicht nur in Graz eine große Zäsur. Ein Blick zurück auf die Jahre 1935 bis 1939.

Sturm erholt sich überraschend schnell nach dem Krisenjahr 1934/35. Mit Spielmacher Karl Schneider, Pepi Frühwirt – er ist der Bruder des späteren Teamchefs Edi Frühwirth und spielt jahrelang in Graz – und dem erst 18-jährigen Hans Gmeindl hebt Sturm seine Spielstärke stark an. Vor allem Letzterer sollte noch eine große Sturm-Zukunft haben: als Stürmer, Goalgetter, Kapitän, Trainer und später als Funktionär.

Euphorie verdrängt Alltagssorgen

Am 26. August 1935 gibt Gmeindl im Alter von 18 Jahren sein Debüt für die erste Mannschaft und gewinnt mit 8:1. Ab September ist das Team auch in der Meisterschaft siegreich, schlägt den GAK, Donawitz, den Grazer Sportklub und Kapfenberg. Die Euphorie lenkt von den Sorgen des Alltags ab, die Grazer Straßenbahnen schränken zum Beispiel aus Spargründen den Einsatz von Beiwagen enorm ein. Durch die hohe Arbeitslosigkeit ist die Fahrgastzahl stark gesunken.

Historisch ist der 18. April 1936: Sturm reist zum Cupspiel gegen Libertas Wien erstmals mit dem Flugzeug zu einem Spiel, die Grazer unterliegen nach gutem Spiel mit 2:3. Die Steirer haben in diesem Jahr aber auch sportlichen Erfolg und krönen sich beispielsweise zum Steirischen Meister.

Im Zeichen des NS-Regime

Der Sommer 1936 steht ganz im Zeichen des deutschen NS-Regime und der bombastisch aufgezogenen Olympischen Spiele in Berlin, bei denen Österreichs Amateurfußballer Silber holen. Von Sturm steht jedoch kein Spieler im Kader. Dafür sieht die Meisterschaft 1936/37 wieder Sturm als Landesmeister vor, vor allem die eindeutigen 5:1- und 4:1-Siege gegen den GAK sowie zweistellige Erfolge gegen Südbahn und den Grazer Sportklub tragen zum überlegenen Titelgewinn bei. Auch der steirische Landespokal geht wieder an Schwarz-Weiß, bereits zum vierten Mal.

Als in Österreich die Fußballsaison 1937/38 losgeht, ist die allgemeine Welt- und Wirtschaftslage sehr bedrohlich geworden. Zum Meisterschaftsende der Saison 1938 gibt es keinen eigenen österreichischen Staat mehr. Es steigern sich die Aktivitäten der Nationalsozialisten, gefördert durch die schlechte Wirtschaftslage und die Arbeitslosigkeit von Tag zu Tag. Trotzdem geht der Sportbetrieb weiter. Die Saison 1937/38 läuft gut für Sturm.

"Der Märchensaal im Wilden Mann war zu klein, um alle aufzunehmen, die gekommen waren, die Jahreswende mit dem Sportclub Sturm zu begehen."

Bericht über Sturms Silvesterfeier in der Kleinen Zeitung

„Zu klein, um alle aufzunehmen“

Dementsprechend pompös feiern die Schwarz-Weißen Silvester. Die Kleine Zeitung schreibt: „Der Märchensaal im Wilden Mann war zu klein, um alle aufzunehmen, die gekommen waren, die Jahreswende mit dem Sportclub Sturm zu begehen. Darum musste eine zweite Veranstaltung im großen Gastraum eingerichtet werden. (…) Oberlandesgerichtsrat Dr. Gragger hielt um 24 Uhr bei Anbruch des jungen Jahres 1938 die Silvesterrede, in der er einen Rückblick gab und eine Vorschau hielt. Die Veranstaltung, deren Leitung in den bewährten Händen des Sektionsleiters Herrn Plendner lag, war wohlgelungen.“ Sturm wird 1938 schlussendlich Vizemeister.

Die Mannschaft des SK Sturm zu Weihnachten 1938, also acht Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Politische Ereignisse überschatten den Sport

Am 12. und 13. März 1938 wird Österreich von dramatischen weltgeschichtlichen Veränderungen getroffen, Bundeskanzler Kurt Schuschnigg tritt zurück, Reichskanzler Adolf Hitler verkündet den „Anschluss“ – Österreich wird Teil des Deutschen Reichs. In Folge werden in allen österreichischen Vereinen jüdische Fußballspieler aus ihren Klubs entlassen und müssen flüchten. Die Eingliederung des österreichischen Sports in das System des Deutschen Reiches ergibt auch für den SK Sturm große Veränderungen. Die „Ostmark“ wird zum Sportgau 17 des nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen. In Wien wird der Profifußball rigoros abgeschafft, Sport hat zeitgenössischen Quellen zufolge lediglich noch zur Ertüchtigung und Ehre deutscher Leistung betrieben zu werden. Die Spielzeit 1938/39 wird von den politischen Ereignissen überschattet. Auf der einen Seite die „Anschluss“-Euphorie in der Bevölkerung, der plötzliche Wirtschaftsaufschwung bedingt durch die Rüstungsindustrie, der Rückgang der Arbeitslosigkeit. Auf der anderen Seite die Verfolgung und Vertreibung bis hin zur Ermordung der Regimegegner, vor allem aber der jüdischen Bevölkerung. Die Herbstmeisterschaft der Saison 1939/40 startet aufgrund der deutschen Kriegserklärung verspätet. Es ist schon das zweite Mal in diesem Jahrhundert, dass Europa in das Elend eines Weltkrieges stürzt. Der Spielbetrieb wird während der Kriegsjahre aber in vollem Umfang fortgesetzt, vor allem weil er die Menschen vor der ernsten Lage ablenken sollte.

Wie sich die Lage in den 1940er-Jahren entwickelte und welche Auswirkung dies auf die Geschichte des SK Sturm hatte, können Sie im April hier lesen!