Sonstiges - 27.04.2019, 12:44

110 Jahre Sturm: Rein in die Staatsliga

Rückblick: 1940 -1949 – Teil 2/2

Der Fußball machte in der Nachkriegszeit die Schwere der Zeit ein wenig vergessen. Sturm entwickelte im Laufe der Jahre immer mehr den Wunsch, in einer „gesamtösterreichischen Staatsliga“ mitzuspielen. 1949 wurde diese dann gegründet – und die Schwarz-Weißen waren mit dabei. Die Jahre 1945 bis 1949 in der Rückschau.

Am 08. Mai 1945 geht der wohl schrecklichste Krieg der Menschheitsgeschichte zu Ende. Die Menschen sehen sich einer nahezu ausweglos scheinenden Zukunft unter der sowjetischen Besatzungsmacht gegenüber – Ruinen, Armut und Bombentrichter prägen das Leben.

Fußball als Lebenselixier

Der Lebenswille kehrt aber rasch zurück, Theater sowie Konzerte und Kinos lassen die Schwere der Zeit ein wenig vergessen. Auch der Fußball spielt eine wesentliche Rolle, der SK Sturm stellt in Rekordzeit aus dem Nichts eine führende Mannschaft zusammen. Es ist dies ein Team, das für viele Erfolge sorgt und die Probleme der Nachkriegszeit einigermaßen zur Seite schiebt. Einer der dafür verantwortlich zeichnet, ist Leopold Kruschitz. Der frühere Sturm-Mittelläufer hat im Krieg ein Bein verloren und ist daher schon wieder in seiner Heimat. Er beginnt frühzeitig eine neue Mannschaft aufzustellen, zusätzlich trägt die Jugendarbeit der 30er- und frühen 40er-Jahre jetzt Früchte. Sozialer Treffpunkt in diesen Tagen ist  – wie vor dem Krieg – das „Café Berghaus“, wo Anton Berghaus den Krieg gut überstanden hat.

Mit Verspätung: Das erste Spiel nach dem Krieg

Am 3. Juni 1945 wollen die Schwarz-Weißen und Südbahn auf dem von den Bombenschäden wieder hergestellten Sturmplatz zum ersten Grazer Match nach dem Krieg antreten. Doch das gelingt erst auf Umwegen, schließlich okkupieren sowjetische Besatzungssoldaten kurzerhand den Platz, um „Steinzeitfußball“ zu bieten. Das Sturm-Spiel kann mit Verspätung stattfinden, die Schwoazen drehen die Partie – der Sturm-Geist hat den Krieg unbeschadet überstanden.

Sturm kommt 1948 ins österreichische Cupfinale. Vor rund 40.000 Zuschauern verlieren die Grazer gegen die Wiener Austria mit 0:2.

Aufgrund der beschränkten Reisemöglichkeiten in den ersten Nachkriegsmonaten kommen nur Grazer Vereine für einen Bewerb in Frage. Im „Befreiungspokal“ spielen acht Teams aus der steirischen Landeshauptstadt gegeneinander. Sturm kann den ersten Bewerb im befreiten Österreich gewinnen und eilt in Folge von Sieg zu Sieg. Erstmals kommen zu Schlagerspielen an die 10.000 Besucher, die Menschen wollen sich vom Alltag ablenken.

„Wir sind ligareif!“

Im Juni 1946 steht Sturm Graz nach einem Sieg über Gratkorn als erster Steirischer Meister nach dem Krieg fest. In den folgenden Monaten wird der Wunsch, sich mit den Wiener Topklubs in einem gemeinsamen Bewerb zu messen, immer größer. Und das nicht ohne Grund: Sturm kann Erfolge gegen Wiener Klubs feiern, schlägt zum Beispiel den SK Rapid Wien in der Gruabn 5:1 (Titelbild). Zwischen 1946 und 1949 gewinnten die Grazer 52 von 68 Punktespielen, remisieren acht Mal und verlieren ebenso oft. Am 13. Juni 1946 feiert Sturm seinen dritten steirischen Meistertitel en Suite. Im österreichischen Cup läuft es 1948 für Schwarz-Weiß besonders gut, man steht im Finale.

Im Rahmen eines großen Sportfestes, bei dem die heimischen Olympiateilnehmer für London 1948 vorgestellt werden, steigt das Finalspiel am 4. Juli 1948 im Wiener Praterstadion. Über tausend Sturm-Fans begleiten ihre Mannschaft über den Semmering nach Wien. Eine solche Bahnfahrt dauert ca. sechs Stunden. Sturm unterliegt schlussendlich 0:2, wird für seine Leistung aber gefeiert. Die Wiener Presse schreibt, Sturm Graz wäre ein Gewinn für die demnächst zu gründende Staatsliga. Nach dem Finalspiel treffen sich Vertreter beider Mannschaften im Wiener „Café Parzival“. Sturms Sektionsleiter Franz Krisper betont: „Wir sind ligareif!“ Auch Austria-Präsident Dr. Michel Schwarz stimmt zu: „Ich bin ein Freund dieser Staatsliga-Bewegung und werde die Steiermark und Oberösterreich unterstützen.“

Die Staatsliga wird gegründet

Im Sommer 1948 gründet der ÖFB schließlich einen Staatsliga-Verband, die Einführung einer „gesamtösterreichischen Staatsliga“ steht in der Planung. Zu den zehn Klubs der „Wiener Liga“ sollen sich die Meister aus Niederösterreich, aus der Steiermark und aus Oberösterreich gesellen. Sturm ist der klare Favorit für den steirischen Teilnehmer. Am 29. Mai 1949 steigt auf dem Platz des GAK das alles entscheidende Spiel um den Staatsliga-Einzug.

"Herr Kapitän, ich danke Ihnen für alles!""

Präsident Franz Reistenhofer spricht zu Hans Gmeindl

Die Schwoazen können die Partie gegen den Stadtrivalen mit 3:1 für sich entscheiden, stehen nach einer nicht immer nur leichten Saison in der Staatsliga. Sturmpräsident Franz Reistenhofer zeigt sich gerührt, schüttelt Hans Gmeindl die Hand: „Herr Kapitän, ich danke Ihnen für alles!“ Das jahrelange Ziel „Staatsliga“ ist nun Realität. Gestartet wird in die neue Fußballära am 28. August 1949 mit dem Spitzenspiel gegen die Vienna. 11.000 Zuschauer sind Zeugen des Staatsliga-Startschusses. Die Wiener gewinnen mit 6:1, im Herbst muss Sturm noch viel Lehrgeld bezahlen. Der Umstieg von der steirischen Liga ist schwierig, dennoch verläuft das Frühjahr 1950 wesentlich besser. Sturm beendet die Saison auf Rang zehn und verbleibt in der Staatsliga.

Wie sich Sturm Graz im darauffolgenden Jahrzehnt entwickelte, können Sie im nächsten Monat hier lesen.